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SNS CRM: Wie mit HCL Nomad eine Notes-Anwendung mobil wird


Mobile Anwendungen

Der Wunsch, Notes-Anwendungen auf mobilen Endgeräten abseits von Windows Notebooks oder MacBooks nutzen zu können, ist mindestens so alt wie das erste iPad. Dabei müssen viele völlig konträr laufende Anforderungen berücksichtigt werden und unter einen Hut gebracht werden:

  • Ergonomische Bedienung auf Touchscreen-Endgeräten
  • Modernes Look & Feel
  • Möglichst wenig oder besser gar kein Programmieraufwand auf Seiten des Kunden
  • Geringe Kosten für Lizenzen und Betrieb

Aber wie realistisch ist es, Notes-Anwendungen die teilweise Anfang der 1990er gestaltet und entwickelt worden sind, ohne größeren Aufwand auf ein mobiles Endgerät zu bringen? Da der damalige Eigentümer der Notes/Domino-Anwendungsfamilie IBM nicht mit einem eigenen Produkt auf den Markt wollte, hat es in der Vergangenheit eine Vielzahl von Partnerlösungen zur Mobilisierung und Modernisierung von Notes-Anwendungen gegeben.

Egal, ob sich diese mehr in Richtung Webbrowser orientierten oder mit einem eigenen mobilen Client für Smartphones und Tablets aufwarteten, bestand das Hauptproblem darin dass in Notes-Masken und Ansichten teils hochkomplexe Funktionen ("Business-Logik") in Schaltflächen, Aktionsleisten oder in Ereignissen wie dem Speichern eines Dokuments verborgen sind. Möchte man nun ein alternatives Frontend nutzen, so ist jede einzelne dieser Aktionen zu bewerten und so umzugestalten dass ein Aufruf bspw. in Form eines LotusScript-Agenten möglich ist. Einige der bekannten Produkte zur Modernisierung von Notes-Anwendungen boten die Möglichkeit, bestehenden LotusScript-Code in die Anwendungskonfiguration zu übernehmen und dort ausführen zu lassen. Als Resultat einer solchen "Modernisierung" hat man schnell den gleichen, teilweise über 20 Jahre alten Code, an zwei Stellen, muss also auch Änderungen immer doppelt pflegen.

Als IBM und HCL vor einem Jahr angekündigt haben, ein ursprünglich noch unter IBM-Ägide entwickeltes Produkt namens NOMAD auf den Markt zu bringen, welches bestehende Notes-Anwendungen auf das iPad bringen sollte, waren wir natürlich sehr neugierig. Inzwischen gibt es auch eine Version für Tablets auf Android-Basis. Als Software-Entwickler fragten wir uns natürlich, wie HCL den oben beschriebenen Spagat hinbekommen würde.

Spielprojekt oder gleich das dicke Brett bohren?

Da man aussagekräftige Ergebnisse sicherlich nicht mit leicht angepassten Standard-Datenbanken oder einigen Demo-Anwendungen erwarten kann, haben wir uns dann auch gleich an einen echten Kracher herangewagt: Das SNS CRM.

Beim SNS CRM handelt es sich um ein korrespondenzorientiertes CRM-System mit vielen Schnittstellen zu anderen Produkten. Das Produkt wurde ab 2004 von KAMMACHI Consulting und GFI entwickelt. Der Vorläufer stammt noch aus den 1990ern. In der Vergangenheit wurden eine Vielzahl von Anwenderwünschen umgesetzt. Seien es bestimmte Auswertungen und Verknüpfungen, zeitgesteuerte Agenten zum Abgleich der Daten mit dem Adressbuch des Smartphones oder eine Funktion zum Versand von Serien-Emails. In unserem Unternehmen haben einige dieser CRM-Instanzen inzwischen eine Größe von deutlich über 20 GB.

Im folgenden Teil möchte ich beschreiben, was es zu beachten galt und wie wir vorgegangen sind.
Aufgrund der stetig anwachsenden Datenbestände und dem zunehmenden verteilten Arbeiten, sowohl in unserer Unternehmensgruppe als auch bei unseren SNS-Kunden, lag in den vergangenen Jahren der Fokus auf der Nutzung des SNS CRM als lokale Replik. Wer häufiger mal in der Bahn unterwegs ist oder "mal eben" in einem Kundengespräch ein Angebot heraussuchen möchte, der weiß es zu schätzen dass die gesamte Kundenhistorie auf Knopfdruck in einer handlichen .nsf-Datei abrufbar ist.


Jetzt muss man natürlich berücksichtigen, dass man auf einem Tablet schlecht Repliken der bei uns vorhandenen rund 70 Datenbanken mit sich führen kann. Also musste als Erstes einmal der klassische Client-/Server-Betrieb getestet und dann optimiert werden. Für die technisch Vorbelasteten unter Euch: Bis zu 18 dynamisch geladene Teilmasken pro Maske die jeweils LotusScript-Code enthielten und teilweise eigene NotesSessions erzeugten fallen im lokalen Betrieb nicht auf. Probiert man so eine Maske über eine 3G-Verbindung durch ein VPN von einem nicht mehr ganz taufrischen Domino-Server zu laden, darf man sich schon einmal gemütlich zurücklehnen. Diese Dinge haben wir Dank Teilnahme an den ersten Betatests recht frühzeitig erkennen und zum Teil beseitigen können.

Eine weitere eher überschaubare Baustelle sind die Hide-When-Einstellungen zur Sichtbarkeit gewisser Elemente. Aktionen und Textbereiche lassen sich seit Jahren durch Setzen eines Hakens vor mobilen Endgeräten verstecken. Da diese Einstellung bislang ohne Funktion war, kann man die an dieser Stelle getätigten Einstellungen getrost als Zufallsergebnisse bezeichnen. Da wir an den meisten Stellen im System mit "gemeinsamen Aktionen" gearbeitet haben, waren zumindest die Aktionsleisten weniger ein Problem.

Bei der Gelegenheit haben wir auch gleich geprüft, welche Ansichten und Aktionen sinnvollerweise mobil genutzt werden sollten. Gerade in den Konfigurationsmenüs lassen sich mit wenigen Klicks ziemlich viel Chaos im System erzeugen. Nichts, dass man "mal eben" auf dem Autobahnparkplatz erledigen sollte. Daher haben wir uns entschlossen sensible Bereiche für Tablet-User zu verstecken.

Um die Arbeit mit Office-Dokumenten zu erleichtern gibt es spezielle Funktionen zur Verwendung von Excel und Word-Templates die via COM/OLE (WIndows) oder AppleScript (macOS) mit Microsoft Office kommunizieren. Diese Schnittstellen existieren mobil nicht. Dennoch haben wir die Möglichkeit geschaffen uns im CRM bereits bestehende Office-Dokumente mobil anzeigen zu lassen.

Etwas Aufmerksamkeit benötigt auch das Thema E-Mail-Versand. Da in der Standard-Installation der NOMAD-Client über keine lokale Mailbox für ausgehende Nachrichten verfügt (mail.box) muss man hier tätig werden und die Konfiguration wahlweise manuell oder automatisiert anpassen. Danach funktioniert dann auch der Versand lokal erzeugter E-Mails.

Das Problem mit der Auflösung

Viele Notes-Anwendungen wurden noch für Laptop-Bildschirme mit 1024 x 768 Pixel im 4:3-Format entwickelt. Auf den heute üblichen 16:9 Monitoren oder Retina-Displays wirken diese Apps immer ein wenig verloren. Für den Einsatz auf einem Tablet kommt einem diese Selbstbeschränkung jedoch sehr entgegen. Zumindest im Landscape-Modus passen so die meisten Anwendungen vernünftig auf den Screen.

Dreht man das Tablet hochkant, so schneidet der NOMAD-Client einen Teil der Masken am rechten Rand ab. Noch übler sieht es auf einem Smartphone aus. Während man hier über eine eigens dafür entwickelte Aktion zumindest den sich meist links befindlichen Navigationsframe ausblenden lassen kann, reicht der kleine Bildschirm für die Darstellung von Masken und der Bildschirmtastatur nicht wirklich aus. HCL hat versprochen, den Client an der Stelle noch etwas geschmeidigiger und intelligenter zu machen, um Anwendern hier Anpassungen zu erleichtern.

Was kommt danach?

Die jetzt erscheinende Version 4.1.0-052 ist ein erster Wurf, mit dem unsere Anwenderinnen und Anwender bequem die wesentlichen Funktionen des CRM auf einem Tablet nutzen können. In einem nächsten Schritt werden wir die Oberfläche der Applikation modernisieren und die bislang verwendeten "Karteikarten" in den Masken durch etwas zeitgemäßeres ersetzen. Im Rahmen der Überarbeitung soll die Business-Logik auch aus den Masken ausgelagert werden. Daneben werden wir die weitere Entwicklung des NOMAD-Clients für Smartphones im Auge behalten und überlegen, welche Daten wir in welcher Form auch auf diesen Devices zur Verfügung stellen wollen.

Fazit

Der NOMAD-Client für das iPad und analog für Android Tablets ist eine gute Möglichkeit, um schnell und effizient bestehende Anwendungen mobil nutzbar zu machen. Der Anpasungsaufwand für das Bereitstellen einer ersten Version hält sich absolut in Grenzen. Wer jedoch Notes-Applikationen auf ein Smartphone bringen möchte, wird nicht umhinkommen und speziell angepasste und vor Allem abgespeckte Masken und Ansichten zu bauen.

Damit gilt auch für NOMAD auf Smartphone das, was wir seit Jahren predigen: Es macht absolut Null Sinn eine Notes-Anwendung oder ein beliebiges anderes Produkt 1:1 vom Desktop auf ein mobiles Endgerät zu portieren. Man sollte sich schon die Zeit nehmen und sich Gedanken über die Gestaltung der mobilen Oberfläche machen.

Möchten auch Sie ihre bestehenden Notes-Anwendungen mobil nutzen? Vereinbaren Sie einen Termin mit uns und wir zeigen Ihnen die Möglichkeiten auf.

Marc-Oliver Schaake

Geschäftsführung - Consulting - Projektmanagement - Development
Lotus Notes Consultant & Entwickler seit 1995
  • SAP to Notes-Projekte
  • Verantwortlich für Produktentwicklung